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Eine Frage der Lesbarkeit?

"zu kompliziert", "zu lang", "unlesbar" ...?!

Ein wiederkehrend geäußerter Vorwurf gegen geschlechtergerechte Sprache ist u.a. der der Unlesbarkeit. Und tatsächlich besteht die Gefahr durch die ungeschickte Anwendung, z.B. von sich wiederholenden Beidnennungen in einem Satz oder mehreren Schrägstriche in einem Wort (Student/inn/en) Texte zu produzieren, die zwar grammatisch korrekt sind aber stilistisch eher behäbig.

Es gibt jedoch diverse Möglichkeiten stilistisch ansprechende, gut zu lesende und geschlechtergerechte Texte zu formulieren, z.B. durch die Kombination von Beidnennungen oder Kurzformen mit Gender*Stern mit Neutralformen, z.B. substantivierten Partizipien (Studierende) oder solche Bezeichnungen, die sowieso kein Geschlecht markieren, z.B. Person.
Die Kritik an der Un_Lesbarkeit geschlechtergerechten Schreibungen ist aber nicht immer sachlich, sondern teilweise reflexhaft abwehrend, unabhängig davon, wie schwer lesbar Begriffe tatsächlich sind.
Katja Berlin zeigt dies sehr passend in ihrer Torte der Wahrheit.


Der Gender*Stern soll außerdem teilweise genau dies – den Lesefluss irritieren und zu einer bewussten Rezeption beitragen.


Aus der Forschung:
Dass geschlechtergerechte Texte nicht schwerer lesbar sind als andere, im Gegenteil, die Erinnerungsleistung teilweise sogar zunimmt, zeigen auch verschiedene Forschungsarbeiten: 

Eine Studie der TU Braunschweig aus dem Bereich Pädagogische Psychologie zeigt in einem Experiment, dass geschlechterbewusste Sprache Textverständlichkeit nicht beeinträchtigt.
Auch ein Forschungsteam aus dem Bereich der Sozialpsychologie konnte zeigen, dass bei verschiedenen Textsorten (Packungsbeilage zu einem Medikament, Bericht über Thermalbäder) diejenigen, die geschlechtergerecht formuliert waren, genauso gut erinnert wurden, wie solche die es nicht waren. Jedoch wurden die geschlechtergerecht formulierten Texte insbesondere von Frauen als ansprechender bewertet. Zu diesem Ergebnis kamen auch zwei Kommunikationswissenschaftler aus Hannover. Sie ließen u.a. die Lesbarkeit und Ästhetik in journalistischen Texten bewerten. Die Ergebnisse sind eindeutig: In der Lesbarkeit wurden keine signifikanten Unterschiede festgestellt. Jedoch führten die mit Binnen-I und Beidnennung formulierte Texte zu einem höheren gedanklichen Einbezug von Frauen.


Weiterlesen:

Friedrich, M. C. G. & Heise, E. (2019). Does the use of gender-fair language influence the comprehensibility of texts? An experiment using an authentic contract manipulating single role nouns and pronouns. Swiss Journal of Psychology, 78, 51-60. https://doi.org/10.1024/1421-0185/a000223

Braun, Friederike; Oelkers, Susanne; Rogalski, Karin; Bosak, Janine; Sczesny, Sabine (2007): „Aus Gründen der Verständlichkeit..": Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. Psychologische Rundschau. 2007;58(3):183-189.

Blake, Christopher; Klimmt, Christoph (2010): Geschlechtergerechte Formulierungen in Nachrichtentexten. In: Publizistik 2 (55): 289–304.


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