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"Mitarbeiter:innen" - Gendern mit Doppelpunkt

Was hat es mit dem Doppelpunkt auf sich – wer nutzt ihn, warum und wie?

eigene Illustration CI

Viele werden es mitbekommen haben, die Hansestadt Lübeck empfiehlt seit Jahresbeginn 2020 den Doppelpunkt als zentrales Mittel geschlechtsneutraler Sprache: also beispielsweise „Mitarbeiter:innen“ oder „Bürger:innen“. Die Umsetzung soll, wie immer in solchen Fällen, wenn sprachliche Anpassungen erfolgen, sukzessive erfolgen. Außerdem wird der Doppelpunkt als eine Möglichkeit neben den bekannten neutralen Formulierungen empfohlen, also statt „Mitarbeiter_innen“ kann auch von „Beschäftigten“ geschrieben werden.

Der Doppelpunkt, so der Lübecker Leitfaden, soll schriftsprachlich alle sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten darstellen, ähnlich wie der Gender_Gap oder der Gender*Stern. Damit reagiert Lübeck auf das Urteil zur Dritten Option. Der Doppelpunkt sei gut verständlich und störe den Lesefluss nicht, da er das Wort nicht auseinanderreiße.

Ein weiterer Vorteil des Doppelpunkts, der in der Lübecker Begründung für den Doppelpunkt nicht genannt wird, bezieht sich auf die Nutzung von Screenreadern. Beim Doppelpunkt machen sie eine etwas längere Pause, quasi einen Glottalstopp. Das Sternchen hingegen wird vorgelesen, also etwa „Student-Stern-innen“. Der Doppelpunkt ist also barriereärmer und inklusiver.

Insgesamt ist die Verwendung von Satzzeichen in der gendergerechten Sprache interessant – Satzzeichen, die eine bestimmte Bedeutung haben (bswp. ein Fragezeichen versus ein Ausrufezeichen), wird versucht eine neue oder eine weitere Bedeutung zuzuweisen: Der Doppelpunkt als kurzes Innehalten, als Signal dafür, dass es mehr gibt als Frauen und Männer, quasi als „politische Botschafter:innen“ (das wurde hier bereits 2016 beschrieben).

Perzeptionsstudien zum Doppelpunkt, die z.B. die mentale Repräsentation der Geschlechter untersuchen, sind uns bislang keine bekannt. Es wäre aber denkbar, dass der Doppelpunkt die mentale Repräsentation von Frauen deutlich erhöht, da das Wort, ähnlich wie beim Binnen-I einem generischen Femininum sehr nahekommt. Zudem fällt der Doppelpunkt beim Lesen kaum auf, was sich auf den häufig geäußerten Kritikpunkt der erschwerten Lesbarkeit geschlechtergerechter Schreibung positiv auswirken könnte. Insgesamt nehmen wir wahr, dass der Doppelpunkt zunehmend Verwendung findet, in der taz finden sich beispielsweise regelmäßig Artikel, die mit Doppelpunkt gegendert sind. Wir sind gespannt und verfolgen die weiteren Entwicklungen mit großem Interesse.


Weiterlesen zur Perzeption des Binnen-Is und anderer gendergerechter Formulierungen:

Stahlberg Dagmar und Sabine  Sczesny (2001): Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. In: Psychologische Rundschau 52: 131-140.

Braun Friederike; Oelkers Susanne; Rogalski Karin; Bosak Janine und Sabine Sczesny (2007): „Aus Gründen der Verständlichkeit..": Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. In: Psychologische Rundschau 58(3): 183-89.

 


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